Berliner Morgenpost, 2006:

Prime Time: Das Abenteuer Wedding erleben

Warum zwei junge Theatermacher das verlorengeglaubte Viertel so lieben

Von Anemi Wick

Von Anrufern, die beim Prime Time Theater in Wedding Plätze reservieren, hören die Macher Constanze Behrends (24) und Oliver Tautorat (32) manchmal Sätze wie: "Vier Karten bitte, zwei davon für Prenzlberger. Ich hoffe, das ist o.k." Und dann überqueren diese Prenzlberger die "Böse Brücke", auch Bornholmer Brücke genannt, die den Prenzlauer Berg vom Wedding trennt. Um sich die erste deutsche Bühnensitcom "Gutes Wedding, schlechtes Wedding (GWSW)" anzusehen.Seit zwei Jahren sind die Vorstellungen meistens ausverkauft. Auf der Bühne stehen Dönertaxifahrer, sächsische Arbeitsbeamte und vokuhilatragende Berliner Postboten. Es geht um verlorene Handys, Arbeitslosigkeit, Liebe, deutsch-türkische Mißverständnisse - Geschichten aus dem prallen Leben. Auch intellektuelle Prenzlberger treten auf und schwafeln von nie realisierten Videoprojekten. "Prenzlwichser" werden diese dann genannt.

"Die Prenzlberger lachen darüber", sagt Constanze, die die Stücke schreibt und früher selbst einmal in besagtem Bezirk gewohnt hatte. Vor drei Jahren ist sie nach Wedding gezogen. Stoff für die Theater-Sitcom gibt es hier genug. Constanze: "Man muß nur in die Dönerbude gehen." "Oder sich im Postamt anstellen und den Leuten zuhören", ergänzt Oliver, der unter anderem als Türke "Murat" und Postbote "Kalle" auf der Bühne steht.

Es gibt sie, die Leute aus Prenzlauer Berg oder Mitte, die in Wedding ausgehen oder sogar umziehen und das Abenteuer Wedding erleben wollen - "weil sie die Szenebezirke satt haben, etwas wirklich Neues, "Undergroundmäßiges" suchen, den "wilden Wedding" entdecken wollen", sagt Constanze. Olaf Fehrmann (41) ist schon 1999 aus Prenzlauer Berg nach Wedding gezogen. Er betreibt im fünften Jahr die Café/Bar/Lounge "Schraders" an der Malplaquetstraße. "Bei der Eröffnung kamen wir uns noch vor wie ein Ufo. Aus Wedding kannte man nur die schlechten Nachrichten", sagt er. "Seither hat sich hier aber viel getan. Zuerst waren es die günstigen Mieten, die viele Studenten und Künstler anzogen. Jetzt kann man hier auch ausgehen." Der günstigen Miete wegen zog Unfallchirurg Michael Wagner (32) vom Rosenthaler Platz in Mitte nach Wedding ans Gesundbrunnen-Center. "Hier habe ich alles, was ich brauche. Wie solche Läden hier", sagt er und meint das Schraders. Judith Gaßmann (23) ist da weniger einsichtig. Sie wohnt in Prenzlauer Berg und sitzt auch im Schraders, weil sie im Kino Alhambra an der Seestraße arbeitet und mit Arbeitskollegen losgezogen ist. "Sonst würde ich im Wedding nicht ausgehen."

"Der Wedding kommt anders" lautet der Slogan auf der Internetseite des Schraders. "Im Wedding passiert schon was. Langsam aber stetig", sagt Constanze. "Aber ich hoffe, daß Wedding nie zu einem Abklatsch von Mitte oder Prenzlauer Berg wird. Das wird auch nicht passieren - dazu müßte man erst alle Weddinger rausschmeißen." Denn das "Abenteuer Wedding" sind nicht zuletzt auch die Weddinger selbst.